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evangelisch aus gutem Grund |
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Allein aus Gnade |
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Wer heutzutage in einen gutsortierten Supermarkt geht, um einen Liter Milch zu kaufen, kann wählen. Das Angebot ist vielfältig. Da gibt es fettarme Milch neben Vollmilch, Milch in Wegwerfpackungen oder umweltfreundlicher Mehrwegflasche, Milch aus der Region oder aus anderen Bundesländern, pasteurisiert und homogenisiert oder ultrahocherhitzt. Jede Packung enthält Milch, und doch gibt es Unterschiede im Geschmack oder Preis. Es gibt nicht mehr nur die eine Milch, die sich alle kaufen müssen. Wir können wählen. Mit den Kirchen ist es nicht anders. Die Kirchen - weder die evangelische noch die katholische - sind nicht die einzigen, die den Menschen in Sachen Glauben Hilfe anbieten. Freikirchen gibt es schon seit längerem, und andere Religionsgemeinschaften bis hin zur gefährlichen Sekte boomen wie nie zuvor. Manchem scheint die Verpackung einer neuen Religionsgemeinschaft interessanter, oder er empfindet die alten Sachen als langweilig und wendet sich davon ganz ab. Es gibt neue, aufregendere und einfachere Möglichkeiten, sich die Wunder und Schwierigkeiten des persönlichen Lebens zu erklären, als diejenigen, die der evangelische Glaube bietet. Und das Besondere der evangelischen Kirche und ihr Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben sind längst nicht mehr allen Zeitgenossen bekannt. Aber sollte nicht derjenige, der Milch kauft, um die Vor- und Nachteile der Sorte wissen, für die er bezahlt? Auch die evangelische Kirche kann als Kirche über ihre Besonderheiten erneut Auskunft geben. Denn es gibt gute Gründe, evangelisch zu sein:
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| Die Erfahrung und Gestaltung von Freiheit |
Da ist zuallererst die Orientierung am Gedanken der Freiheit. Die Erfahrung und Gestaltung von Freiheit sind Zentrum des christlichen Glaubens - der Freiheit der Kinder Gottes. Eine der bekannten Schriften Martin Luthers heißt "Von der Freiheit eines Christenmenschen". In ihr machte Luther deutlich, da sich nach dem Zeugnis des Evangeliums die Freiheit der Person und ihre soziale Verantwortung nicht voneinander trennen lassen. Die Freiheit nach dem Evangelium verstanden, schließt die Solidarität mit den Schwachen und den Versuch der Gerechtigkeit mit ein. Evangelische Freiheit meint den gesamten Lebensvollzug und auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Aufgrund dieser Freiheit kann sich die Evangelische Kirche nicht auf einen ausgegrenzten religiösen Bereich zurückziehen.
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| Die Botschaft von der freien Gnade Gottes |
Für den evangelischen Glauben ist außerdem die Botschaft von der freien Gnade Gottes ein entscheidendes Element. Theologisch wird sie die Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen durch Gott genannt. Was damit gemeint ist, ist viel einfacher mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn aus Lukas 15,11-32 zu erklären: Ein Mann hat zwei Söhne. Der jüngere läßt sich sein Erbteil auszahlen und verläßt Haus und Hof. Er verpraßt sein Geld in der Welt und endet zuletzt als Schweinehirt bei einem fremden Bauern. Da ringt er sich durch, seinen Vater, den er jahrelang weder gesehen noch gesprochen hat, aufzusuchen und neu anzufangen. Zu Hause angekommen, vergibt ihm sein Vater und läßt ein großes Fest für ihn ausrichten. Der ältere Sohn, der die ganze Zeit auf dem Anwesen des Vaters gearbeitet hatte, ist böse über den Willkommensgruß für seinen Bruder, der des Vaters Geld mit Dirnen vergeudet und nichts zum Aufbau des Hofes beigetragen hat. Deshalb will er nicht mitfeiern. Worauf ihm der Vater erklärt: "Dieser dein Bruder war tot und ist lebendig geworden und war verloren und ist wiedergefunden worden." In dieser Geschichte ist der Grundgedanke der Rechtfertigung des Menschen durch Gott enthalten. Es ist die Botschaft, daß Gott den Menschen annimmt und daß der Mensch diese Annahme weder durch Wohlverhalten noch durch "gute" Leistungen erzwingen kann. Der evangelische Kern dieser Botschaft ist: Gottes Gnade ist freiwillig geschenkt, vollkommen unabhängig von der Person oder den Leistungen. Wie stark diese evangelische Einsicht auf die Ethik unseres Abendlandes gewirkt hat, will ich Ihnen kurz beschreiben. Der Glaube, daß keine Person von Gott ein für allemal auf seine Handlungen festgelegt wird, gibt uns die Möglichkeit, die Person von ihren Taten zu unterscheiden. Diese Einsicht ist die entscheidende Errungenschaft auch für den Umgang miteinander. Wir alle wissen und können es täglich erfahren: Aufgrund dieser Unterscheidung zwischen der Person und ihren Taten gibt es für jeden Menschen die Möglichkeit eines Neuanfangs in Erziehung, Partnerschaft, Freundschaft, Kollegenkreis, staatlichem Strafrecht. Der evangelische Glaube, daß der Mensch vor Gott nicht durch seine Werke gerechtfertigt wird, sondern allein durch Gottes freie Gnade, ist notwendig für einen humanen Umgang miteinander. Diese Einsicht in die Grundzüge menschlicher Freiheit muß die evangelische Kirche der Gesellschaft deutlich machen. Das ist der Auftrag, der sich aus dem evangelischen Glauben ergibt.
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| Die Botschaft von Gottes freier Gnade hat auch eine schwierige, ja ungemütliche Seite |
Die Glaubensaussage, daß jeder Mensch unabhängig von seiner Person oder seinen Handlungen an Gottes freier Gnade teilhat, ist die eine Seite der Münze. Auf deren anderer Seite steht das Wort vom Kreuz. Die Gnade Gottes erschließt sich nur vom Kreuz Christi her. Gemeint ist: Gottes Gnade erfahren wir Menschen darin, daß Gott selber sich aufgemacht hat, an allen Niedrigkeiten unseres Lebens teilzunehmen. So ist Jesus, dem biblischen Zeugnis nach, in ärmlichsten Verhältnissen in einem Stall geboren worden und stirbt am Ende am Kreuz. Ein Tod, der zu damaliger Zeit geflohenen Sklaven und Kriminellen vorbehalten war. Beide Bilder wollen zeigen, daß Gott an unseren schwersten und unverständlichsten Lebenssituationen teilnimmt. Freilich - und das ist das schwierige - ohne daß wir für diese Lebenssituationen eine Antwort bekommen würden. Das Kreuz Christi beziehungsweise das Wort vom Kreuz erschließt somit eine Erfahrung, die wir in allen Lebensfragen machen können. Es zeigt, wie und warum man leben kann, ohne auf alle Lebensfragen eine abschließende Antwort zu bekommen oder zu geben. Der Schlüssel zum Wort vom Kreuz liegt in der Bitte Jesu, die er im Garten Gethsemane ausspricht, wissend, daß er verraten worden ist und sterben wird: "Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst" (Matthäus 26, 39b). Daß wir auch noch das Unbegreifliche aus Gottes Hand annehmen können, weil Gott selbst den Tod in einen Weg zum Leben verwandelt, das ist der Sinn des Wortes vom Kreuz. Wer die frei geschenkte Gnade Gottes für sich glaubt und in Anspruch nehmen möchte, muß gleichzeitig mit dem unverständlichen und oft zur Verzweiflung treibenden Wort vom Kreuz leben.
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| Das Bündnis von Glaube und Bildung |
Nun könnte man meinen, daß der evangelische Glaube von den Menschen verlangt, dümmlich alles und jedes unverständliche Lebensgeschehen, jede widerfahrene Ungerechtigkeit als von Gott durch das Kreuz gegeben zu ertragen. Dagegen steht jedoch, daß der evangelische Glaube sich in besonderer Weise für das Bündnis von Glaube und Bildung einsetzte und einsetzt. Luthers engstem Mitarbeiter, Philipp Melanchthon, verdankt unsere Kirche den Impuls, daß der evangelische Glaube ein selbst verantworteter Glaube ist: Es geht darum zu verstehen, was wir glauben. Natürlich gibt es Grenzen, über die wir nicht hinübergelangen werden. Aber der evangelische Glaube verlangt, sich an diese Verstehensgrenzen heranzuwagen, um sich selbst immer wieder darüber Rechenschaft abzulegen, was geglaubt wird und was wir wissen. Das Bündnis von Glaube und Bildung muß deshalb in jeder Generation erneuert, um dieses Bündnis muß immer wieder gestritten werden. Wenn es aufgekündigt wird, kommt es zur Flucht in den Fundamentalismus, zum Rückzug in eine Sektenmentalität oder zum Ausweichen in allgemeine Beliebigkeit. Die evangelische Verkündigung der "Frohen Botschaft" heißt, ihre Inhalte verständlich zu machen und Menschen zu befähigen, von ihrem Glauben Rechenschaft abzulegen. Eine so verstandene Bildung hat einen weiten Horizont. Sie bezieht sich auf die gegenwärtige Lebenssituation der Menschen, in die hinein der Glaube auszulegen und verantwortliches, christliches Leben zu gestalten ist. Die Bildungsverantwortung der evangelischen Kirche vollzieht sich in den Gemeinden (von gemeindlicher Kinder- und Jugendarbeit bis zur Erwachsenenbildung), in den Bildungseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft (zum Beispiel evangelische Schulen) und im evangelischen Religionsunterricht der staatlichen Schulen. Auch die Schule hat in ihren Bildungsauftrag die Vermittlung der religiös-ethischen Dimension aufgenommen. Die Schülerinnen und Schüler haben ein Recht darauf, Zugang zu Religion und Glauben zu bekommen. Dieser eigenständige und wichtige Bereich menschlichen Lebens muß von jedem Menschen näher untersucht werden, um sich darin zu orientieren. Daß dabei die Religionsfreiheit aller Beteiligten berücksichtigt wird, ergibt sich aus der evangelischen Orientierung am Gedanken der Freiheit. Die Mitwirkung der Kirchen in den staatlich getragenen Bildungseinrichtungen ist demnach ein notwendiger Ausdruck des evangelischen Bündnisses von Glaube und Bildung.
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| Das Priestertum aller Gläubigen |
Nach diesem Exkurs soll noch ein weiterer Grundpfeiler der evangelischen Kirche benannt werden. Es ist das Priestertum aller Gläubigen. Dahinter steht das Bild von der Kirche als dem einen Leib Christi (1. Korinther 12,12-31). Es ist ein Leib, und jedes Glied an diesem Leib hat eine unersetzbare Funktion für diesen einen Leib. Es gibt kein Oben und kein Unten, keinen, der besser oder wichtiger ist. Jede und jeder Glaubende, der getauft wurde, nimmt teil an diesem einen Leib und ist ein unersetzbarer Bestandteil dieses einen Leibes. Bischöfliche Ordination, theologische Bildung oder andere Ehren machen keines dieser Glieder wichtiger oder größer. Der Gedanke vom Priestertum aller Glaubenden hat sich niedergeschlagen in der Struktur der kirchlichen Leitungsaufgaben: Für die Organisation der evangelischen Kirche ist die regionale Struktur wichtig. Gemeindekirchenräte ("Laien") in den Gemeinden und Synodalräte ("Laien") auf den anderen kirchlichen Ebenen sind die entscheidenden Leitungsgremien - nicht Bischöfe, Patriarchen oder ein Papst. So können alle Christenmenschen, die Erfahrung in den vielfältigen und komplizierten Feldern des modernen Lebens gesammelt haben, die Kirche mitgestalten. Auch wenn Pfarrerinnen und Pfarrer eine wichtige Aufgabe übertragen bekommen und sie finanziell für diese Tätigkeit freigestellt worden sind - jeder evangelische Christ kann in der Kirche praktische Verantwortung übernehmen und den weiteren Weg mitbestimmen. Die Erkenntnis vom Priestertum aller Glaubenden ist in der evangelischen Kirche aktueller denn je. Jede ehrenamtliche Tätigkeit ist die Tätigkeit eines getauften Gliedes des einen Leibes Christi. Außerdem verknüpft ehrenamtliche Tätigkeit Religion und Alltag in neuer Weise miteinander und birgt so die Möglichkeit, einen mündigen Glauben zu entwickeln und von ihm Rechenschaft abzulegen.
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Christian Brandt ist Theologe. Reinhard Stawinski |
Mit der Darstellung von evangelisch verstandener Freiheit, der freien Gnade Gottes, dem Wort vom Kreuz und dem Priestertum aller Gläubigen haben wir Ihnen immer noch nicht die Unterschiede zwischen pasteurisierter und homogenisierter und ultrahocherhitzter Milch erklärt, aber hoffentlich ein bißchen dazu beigetragen, die Besonderheiten des evangelischen Glaubens zu verdeutlichen. Es gibt gute Gründe, evangelisch zu sein. Vielleicht teilen Sie uns Ihre eigenen mit und schreiben uns, vielleicht haben Sie auch mal Lust, bei den "Evangelischen" mitzumachen. Das kann durchaus für eine begrenzte Zeit sein, je nach der privaten Situation, die von Familie, Beruf, anderen Verpflichtungen und Freizeit geprägt ist. Kommen Sie einfach vorbei, und schauen Sie rein. |
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